“Kinder sollten Essen als spannendes Abenteuer erleben”, Jessica Richter

Eltern sehnen sich diesen Moment herbei: Das eigene Baby futtert glücklich und zufrieden am Familientisch. Es greift selbstständig gezielt nach dem Essen, führt es zum Mund, zermalmt die weiche Kost mit den Kauleisten. Oder, schluckt zufrieden den ersten Brei von Mamas oder Papas geführtem Löffel. Doch Moment mal. Bevor es so aussieht, fragen sich die meisten überhaupt, was Beikost ist. Wann darf das Baby essen, und was denn überhaupt? Darf es schon Wasser trinken? Abstillen oder weiter stillen? 

Fragen über Fragen. Deshalb lasse ich in diesem Interview Jessica Richter zu Wort kommen. Sie ist zertifizierte Beikost- und Stillberaterin. Und als Vierfach-Mama ein absoluter Profi. Denn am Familientisch ist bei den Richters so einiges los. 

Jessica, was ist überhaupt Beikost?

Als Beikost bezeichnen wir alles, was Babys außer ihrer Muttermilch bzw. Säuglingsmilchnahrung bekommen. Mit dem Beikoststart wird das Baby langsam von der flüssigen Milchnahrung an eine andere Nahrungsmittelaufnahme gewöhnt. Dabei geht es nicht nur um eine andere Art der Nahrung (von flüssiger Muttermilch bzw. Säuglingsmilch zur festen Nahrung), sondern auch um die Art und Weise der Nahrungsaufnahme. Denn das Baby kennt nur das Saugen. Erst mit Beginn der Beikost lernt es in kleinen Schritten auch andere Nahrung als die Muttermilch zu schlucken.

Wann ist der Darm eines Babys bereit etwas anderes als Muttermilch bzw. Säuglingsmilch zu verdauen?

Das ist eine gute Frage: Selbst Forscher sowie Experten sind sich bei diesem Thema nicht immer einig. Viele Experten raten Beikost frühestens ab dem 5. Lebensmonat und spätestens ab dem 7. Lebensmonat anzubieten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt zum Beispiel, Babys ab dem vollendeten sechsten Monat neben der Muttermilch auch feste Nahrung zu geben. Daher starten viele Eltern mit der Beikosteinführung ab diesem Zeitpunkt. 

Aus meiner persönlichen Sicht ist mir bei der Einführung der Beikost besonders wichtig, dass das Baby dazu bereit ist. Das erkennt man an folgenden Zeichen, den sogenannten Beikostreifezeichen: Der Zungenstoßreflex sollte am besten ganz verschwunden sein. Das Baby “sitzt stabil”, das heißt, es sollte das Köpfchen selbst unter Kontrolle halten können und mit Hilfe auf dem Schoß aufrecht “sitzen”. Die Augen-Hand-Mund-Koordination funktioniert.

Jedes Baby ist individuell und hat sein eigenes Tempo. Daher sollten wir immer auf das eigene Entwicklungstempo des Babys eingehen und genau auf diese Beikostreifezeichen achten.

Das erste gemeinsame Essen am Familientisch: Was gilt es zu beachten, wenn das Baby seinen ersten Haps bekommt?

Wichtig ist zu Beginn der Beikost: Spaß an der Sache und das langsame Heranführen an die feste Nahrung. 

Ist ein Baby im Beikostalter und zeigt zudem die Beikostreifezeichen, kann gerne mit der Beikost gestartet werden. Respektvolles und achtsames Füttern ist dabei das A und O. Beikost ist vielmehr ein Angebot für Kinder und sollte nie mit Druck ausgeübt werden. Sie sollten mit dem Essen ausschließlich nur positive Erfahrungen sammeln und das Essen als spannendes “Abenteuer“ erleben. Oft haben Ratgeber zum Beispiel noch heute veraltete Tipps: Eine Stillmahlzeit bzw. eine Flaschenmahlzeit Schritt für Schritt durch Brei zu ersetzen. Neuere Studien haben das allerdings widerlegt. Babys können die in der Beikost enthaltenen Allergene und Nährstoffe viel besser verstoffwechseln, wenn sie gleichzeitig Muttermilch bekommen. Daher raten einige Stillberaterinnen, dass die aufgenommene Beikost am besten in Muttermilch schwimmen soll. Ich empfehle stillenden Müttern daher, wenn möglich nicht mit Beginn der Beikost abzustillen, sondern weiterhin nach Bedarf zu stillen. Natürlich nur so lange dies für Mutter und Kind in Ordnung ist! Die Muttermilch hilft den Kleinen, mit der neuen Nahrung besser klarzukommen und unterstützt zudem weiterhin das Immunsystem sowie die Gehirnentwicklung.

Schließlich ist es wichtig, dass die Beikostaufnahme nicht im Liegen stattfindet und das Baby gestützt gehalten wird. Erst wenn das Baby alle Übergänge vom Liegen bis zum Sitzen eingeständig meistert, darf das Baby in einem Hochstuhl sitzen. Vorher ist der Schoß und das gestützte Halten die beste Position für die Beikostaufnahme.

Welche Rolle spielt Wasser trinken dabei? Und wie ist es mit anderen Getränken?

Für gesunde Säuglinge reicht in den ersten Lebensmonaten Muttermilch oder Säuglingsmilchnahrung komplett aus. Wichtig ist dabei immer das Stillen nach Bedarf. Viele Mütter, die stillen, merken zum Beispiel an heißen Tagen, dass ihr Kind öfters an die Brust möchte. Über das häufigere Anlegen deckt das Baby den Mehrbedarf an Flüssigkeit ganz automatisch. Wichtig ist dabei zu betonen, dass dies für gesunde Babys gilt. Bei einem kranken Kind (zum Beispiel Fieber, Magen-Darm…) sollte immer der Arzt aufgesucht werden und das Trinkverhalten besprochen werden.

Mit der Einführung der Beikost ist noch keine zusätzliche Flüssigkeitszufuhr nötig. Erst später, je nachdem, ob eine dritte Brei-Mahlzeit eine Milchmahlzeit ersetzt, sollte Wasser gegeben werden. (Empfehlung des Netzwerks Gesund ins Leben, eine IN FORM Initiative des Bundesernährungsministeriums).

Als ideales Getränk eignet sich dann Leitungswasser, das im Becher oder aus dem Glas angeboten wird. Auch stilles Mineralwasser, das für die Zubereitung von Säuglingsnahrung geeignet ist, kann gerne zum Trinken angeboten werden. Bei Leitungswasser sollte auf keinen Fall Trinkwasser aus Bleileitungen verwendet werden. Auch im Ausland ist das Wasser aus der Wasserleitung nicht immer trinkbar. Zudem sollte nur kaltes Leitungswasser genutzt werden und kein stehendes Wasser aus der Leitung.

Manche Experten empfehlen neben dem Wasser auch ungesüßten Tee. Jedoch sind viele Babytees mit Pestiziden belastet. Heilkräutertees sollten nur nach Absprache mit dem Kinderarzt gegeben werden. Die darin enthaltenen ätherischen Öle können zum Beispiel gesundheitsschädigend sein. 

Säfte sind für Babys nicht geeignet. Viele Eltern denken noch heute, dass Säfte besonders gesund sind. Dies ist jedoch nicht der Fall. Sie fördern die Entstehung von Karies und beinhalten viel Zucker.

Seit einigen Jahren wird Baby-Led-Weaning (BLW) auch im deutschsprachigen Raum immer beliebter. Doch so neu ist es eigentlich gar nicht, oder?

Das stimmt. Der Begriff „Baby-Led-Weaning“ ist von der englischen Stillberaterin Gill Rapley geprägt, die im Jahr 2008 ein Buch zu diesem Thema veröffentlichte. 

Jedoch ist diese Art der Beikost nicht neu, sondern die älteste Form der Beikosteinführung. Denn früher gab es noch keine Mixer, Pürierstäbe oder fertige Babygläschen. Ältere Kulturen, die noch keine elektrischen Hilfsmittel oder Babygläschen hatten, gaben den kleinen Babys bei der Beikosteinführung das, was eben da war. Entweder gaben sie den Kleinen das Essen zum Lutschen oder sie kauten das Essen einfach vor und fütterten diese vorgekaute Nahrung von Mund zu Mund oder von Mund zu Hand.

Welche drei praktischen Tipps möchtest du Eltern ans Herz legen?

Rituale und Familientisch:

Kinder lieben Rituale. Die vertrauten Abläufe geben den Kindern Sicherheit, Halt und Geborgenheit. Zudem sind unsere Kleinen richtige Beobachter. Sie schauen genau was wir machen. Gerne denke ich bei diesem Thema an das Zitat vom Münchner Kulturkomiker Karl Valentin: „Es hat keinen Sinn, Kinder zu erziehen. Sie machen uns ja doch alles nach.“ Und irgendwie ist es doch auch so. Nehmt die Mahlzeiten gerne mit euren Kindern zusammen ein, habt Spaß dabei und nutzt die gemeinsame Zeit nicht nur fürs Essen, sondern auch wegen der Geselligkeit und Freude. Die Kleinen schauen sich das Essen von uns automatisch ab und testen es selbst aus. Ganz nebenbei und ohne Druck. 

Um in die gemeinsame Essenszeit zu starten, eignet sich zum Beispiel ein schöner Tischspruch als Ritual. Auch nach dem Essen könnt ihr die Kleinsten schon gerne aktiv mit ins Geschehen einbringen. Natürlich können sie nicht sofort beim Abräumen des Tisches helfen, aber auf dem Arm beobachten sie eure Abläufe ganz genau. Irgendwann sind sie motorisch soweit, dass sie ihren Löffel in die Spülmaschine legen können, und ein paar Jahre später gehört das gemeinsame Abräumen auch ganz selbstverständlich dazu. 

Regional, saisonal und schnell:

Viele regionale Landwirte bieten einen Lieferservice für Obst- und Gemüsekisten an. Wenn Eltern gerne die Beikost selber zubereiten möchten, ist dies eine tolle Möglichkeit. So bekommt ihr automatisch regionale, saisonale und abwechslungsreiche Lebensmittel und lernt vielleicht selbst noch ein paar neue Lebensmittel kennen. Wir sparen Zeit und unterstützen ganz nebenbei die regionalen Landwirte.

Aber Vorsicht: Nicht jedes Obst oder Gemüse eignet sich für BLW. So zum Beispiel roher Salat. Er lässt sich schwer kauen und kann im Mund kleben bleiben.

Geriffelte Nahrungsstücke bei BLW:

Eltern die gerne BLW machen möchten, empfehle ich gerne ein Wellenschnittmesser/Wellenschneider. Durch den geriffelten Schnitt können Babys die Lebensmittel besser in der Hand halten.

Was ist dein persönliches schönstes Erlebnis mit Beikost?

Es gibt so viele schöne Erlebnisse. Besonders in der letzten Zeit, da mein kleinstes Kind gerade im Beikostalter ist. Als Mama von vier Kindern ist bei uns am Familientisch natürlich immer viel los. Oft essen spontan noch Freunde mit und die Beikosteinführung fand irgendwie ganz nebenbei statt. 

Ich merke ganz oft wie selbstverständlich die größeren Kinder unserem Kleinsten (gerade ein Jahr alt) mit ins Essen einbeziehen und wie sehr unser Kleinster dies genießt und das Essen annimmt. Ich könnte stundenlang am Tisch sitzen und meine Kinder dabei beobachten. Es ist einfach so schön zu sehen, welchen Einfluss ältere Kinder doch auf die Kleinsten haben und wie selbstverständlich die älteren Kinder den Kleinen bei der Nahrungsaufnahme helfen.